In Schweden sahen wir die positiven Seiten der europäischen Freiheiten: Eltern folgten ihren Kindern ins Ausland, um ihnen die Möglichkeit eines internationalen Abiturs zu bieten, ihre Chancen auf ein Studium an einer internatitonal renommierten Universität zu erhöhen.
In Rumänien hingegen ist die perverse Kehrseite der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und der Mobilität von Arbeitskraft in Europa zu beobachten: Rumänische Kinder, die für die Freiheiten des Binnenmarktes bezahlen – mit der Abwesenheit ihrer Eltern, mit zerissenen Familien.
In Rumänien leben 350.000 Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten. In einem Drittel der Fälle sind beide Elternteile emigriert. Rund die Hälfte der Kinder sind jünger als zehn Jahre (UNICEF Romania 2008: III).
Die von den Schülerinnen so positiv empfundene Reisefreiheit in das “schöne saubere Europa” geht einher mit niedrigen Löhnen in Rumänien, die Eltern dazu zwingen, zum Arbeiten ins Ausland zu gehen. Erdbeeren pflücken in Spanien oder Italien, während die Kinder in Rumänien bleiben. Laura (17, Rumänien) lebt in diesem Europa ohne Eltern. Aus ihren Erzählungen sprechen Bitterkeit und Zynismus. Europa ist hier nicht egal, sondern von schwerwiegender Konsequenz: “Meine beiden Eltern arbeiten seit 17 Jahren im Ausland. Jetzt sind sie beide in Italien, aber in verschiedenen Städten. Mein kleiner Bruder und ich haben bei einer Tante gewohnt, aber sie ist vor einer Woche gestorben. Jetzt sind wir zusammen allein.”
Kinder übernehmen die Rolle der Erwachsenen, sie ersetzen ihren kleineren Geschwister die Eltern:
“She needs to cook, she needs to wash their clothes, she needs to pay their bills … it’s hard for her to do that, and to study, too. That’s not good. We need our parents. We are not able to do these things alone. We need help.”
(Cristina, 17, Rumänien, über die Situation einer Freundin)“I think children need affection from their parents, not just money and things which can make a good life… happy.”
(Ionela, 17, Rumänien)
Eltern, die ins Ausland gehen, Kinder, die ihre Geschwister und sich selbst versorgen, die keine Zeit mehr für ihre eigene Ausbildung haben:
“(…) and then, the children remain here without supervision, they stop learning and coming to school and … it’s some kind of a circle, a vicious one” (Albertina, 40, Englischlehrerin, Rumänien).
Was denken Schülerinnen über im Ausland lebende Eltern? “Wenn die Löhne hier nicht ausreichen, dann muss man etwas anderes machen, auch anderswo arbeiten.” (Ana, 18, Rumänien). Schülerinnen klagen bitterlich über die Situation, rechnen aber trotzdem damit später einmal im Ausland zu arbeiten. Für ein paar Monate, ein paar Jahre oder auch für immer.
Sag’ mir, wo die Eltern sind … .
Wo sind sie geblieben? Betrachten wir die politische Ökonomie eines neuen Mitgliedslandes wie Rumänien.
Rumänien ist ein Transformationsland und als solches gerade stark im Wandel begriffen. Aus den kommunistischen Jahren ging es hervor mit relativ wenig angesammeltem Kapital und mäßigem Ausbildungsniveau. Seitdem die Grenzen für Händlerinnen und Investorinnen offen sind, muss sich Rumänien auf das spezialisieren, in dem es gut ist: billige, oft gering qualifizierte Arbeit. Rumänien ist das Niedriglohnland im Hinterhof Europas. Die offenen Grenzen sorgen in Rumänien für hohe Wachstumsraten (7.1%, CIA World Fact Book 2008). Der entwickeltere Westen profitiert: Immer mehr Firmen produzieren im billigen Osten, so die Nokia-Fabrik. Immer mehr westeuropäische Marken – uns fallen Baumärkte und Autos auf – werden in Rumänien verkauft.
Es ist die internationale Arbeitsteilung, wie sie Adam Smith (1776) erdachte: jeder nach seinem Kostenvorteil. Mit der europäischen Integration kam die Hoffnung auf Angleichung der Wohlstandsniveaus, auf Wachstum für alle, durch größere Märkte und größere Spezialisierung. Wenn dieser Erfolg kommt, dann kommt er nicht über Nacht. In der Zwischenzeit leben die Rumäninnen von niedrigen Löhnen, in einem Land, erschüttert von den Wehen des ökonomischen Wandels.




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