Fokusgruppen, Lehrerinterviews, Unterrichtsbeobachtungen – unser Methodenkoffer schien gut ausgestattet für unser Erkenntnisinteresse. Die Empirie, schließlich, belehrte uns eines Besseren.
Vorhang frei, die Eurolektionen-Prüfungskommission ist da!
In Rumänien konnten wir nicht neutral beobachten. Was kann man lernen, wenn rumänische Schülerinnen einstudierte Mindmaps mit Assoziationen zu Europa an die Tafel schrieben? Welche Erkenntnis beschert Unterricht, in dem Schülerinnen auswendig gelernte Sätze wie „Die Hauptstadt von Finnland ist Helsinki. Finnland ist ein Land mit vielen Seen“ aufsagten? Wenig.
Es hat uns beschämt, dass eine gestandene Lehrerin von 45 Jahren Angst vor uns hatte, im Unterricht nervös und unsicher wirkte. Auch für viele Schülerinnen waren wir mehr als eine wenig ältere Forschungsgruppe: Man hatte sich, extra für uns, heraus geputzt und fein angezogen. Wir fühlten uns im Unterricht an der rumänischen Schule wie in einer eigens für uns inszenierten Zirkusshow oder wie eine EU-Beobachterkommission. Eine Show mit Sicherheitsnetz: die Schülerinnen hatten für unsere Diskussionen Antworten (teilweise schriftlich) vorbereitet – um sprachliche Fehler zu vermeiden.
Alles nur Diskurs?
Wir sind irgendwann misstrauisch geworden ob der vielen Phrasen über europäische Identität. Wir stellten fest: unsere Methode naturalisiert Diskurse. Viele unserer Fragen wurden von Lehrerinnen und Schülerinnen durch nichts anderes als Diskurse im Sinne Foucaults beantwortet. Diskurse sind unpersönliche Aussagesysteme:
Europa als Territorium der Reisefreiheit, Europa als ein in Vielfalt geeinter Kontinent – oft gehörte, allgemeine Bemerkungen zeigen: nicht die interviewte Person selbst spricht.
„Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“ (Foucault 1971: 10 f.)
Es stellte sich später heraus, dass die gastgebenden Lehrerinnen für “Europa- Projekte” einen kleinen Gehaltsbonus von der Schulbehörde erhalten konnten.
Diskurse bilden Systeme, die spezifisch für eine Gesellschaft sind. Sie interessieren Foucault besonders in ihrer Beziehung zur Macht. Durch die spezifischen Formulierungen von Diskursen kann es zu sprachlichen Herrschaftssystemen kommen. Die zu erwartenden, klassischen Antworten auf gewohnte Fragen legen ein System nah. Sprache ist mit Macht intim verbunden und so schlagen sich autoritative Denkschemata aus Politik, wissenschaftlichen Institutionen und Disziplinen in ihr nieder. Durch Sprache üben Diskurse somit eine geistige Kontrollfunktion mit Neigung zur Ideologiebildung aus. Dabei sind es nichts mehr als willkürliche Aussagen, die keineswegs definitiv sind. Nichts mehr als Ereignisse.
Sprechen wir also eine Sprache, die uns nicht gehört? Sind unsere Fragen eigentlich nur Fragen, die sich mit den dominanten Diskursen fügen lassen? In Foucaults Augen werden Diskurse – die durch Ausschluss klar begrenzt werden – identifizierbar, wenn man sich an die Ränder begibt. Rumänien ist für uns auch eine Erfahrung der Grenze gewesen. Vieles bekam einen neuen Sinn. Gegebenes musste in Frage gestellt werden.



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