Unsere Vision: So träumt Eurolektionen

So ergibt sich eine gemeinsame Vision. Schulen sollten zwei Aufgaben erfüllen: Sie sollen in den Maschinenbau der Gesellschaft einführen und gleichzeitig Fürsprecherinnen der Kunst, Kultur und Subjektivität sein.


Was das heißt? Folgende acht Punkte fordern wir von einer Schule in Europa:

  1. Die Schülerinnen lernen die Maschine zu verstehen, im Politik- und im Geschichtsunterricht. Eine demokratische Bürgerin muss verstehen, welche Wahlmöglichkeiten das Allgemeinwesen hat, seine politische Ökonomie, seine Produktion und seinen Konsum zu organisieren. Eine neu beigetretene EU- Bürgerin, die nicht versteht, wie freie Handels- und Kapitalströme ihre Lebenschancen verändern werden, zum Besseren oder zum Schlechteren, ist keine mündige Bürgerin. Sie läuft Gefahr, unter die Zahnräder zu kommen. Schule muss also Systemverständnis leisten.
  2. Das System zu verstehen heißt, das System vor Jahren verstanden zu haben, im Geschichtsunterricht. Zusammenhänge sind nicht nur im Augenblick, sondern auch in der Dauer zu erblicken.
  3. Das System zu verstehen heißt auch verstehen, dass wir ohne Solidarität nicht weiter und fair wachsen können. Adam Smith lag falsch: Die unsichtbare Hand des Markts kann daneben greifen, heute leichter denn je. Wenn jede an sich selbst denkt, ist nicht genügend an jede gedacht, und schon gar nicht an alle. Die Gefangenendilemmata zu verstehen, in denen wir so oft stecken, lässt nur einen Schluss zu: wer den eigenen Wohlstand mehren will, muss an das Wohl der anderen denken.
  4. Solidarität ist nicht nur zweckrationale Notwendigkeit. Sie ist auch humanistisches Gebot der Gleichheit unter den Menschen. Solidarität in der Schule gebietet nicht jede Schülerin zur überzeugten Sozialdemokratin oder europäischen Föderalistin zu indoktrinieren. Eine junge Europäerin kann, aus guten Gründen, gegen eine weitere Integration, für eine kleine oder subsidiäre Union der Reichen und Großen sein. Jede junge Europa-Skeptikerin muss aber begründen können, warum es so sein soll. Sie muss wissen, dass eben nicht jeder seines Glückes Schmied ist.
  5. Die Maschine nur zu verstehen genügt aber nicht. Eine europäische, und jede demokratische Bürgerin muss glauben, dass sie die Realität verändern kann. Und sie muss wissen, wie das geht. Auch wenn unsere politischen Systeme gegenwärtig oft fehlerhaft oder korrupt sein mögen, im Grunde können wir unser Geschick selbst bestimmen.
  6. Schule darf aber nicht nur Ort der Politik sein. Sonst wird sie leicht die Brut- und Konditionierungsstation einer „Schönen Neuen Welt“ (Huxley 1932). Sie muss neben der Politik auch Forum der Kultur sein. Gegen die totalitären Tendenzen der Politik, gegen die Vereinheitlichung oder McDonaldisierung der wirtschaftlichen Integration fördert und bewirbt die gute Schule die nationale, regionale und europäische Kultur. Eine neue Bürgerin schätzt und kennt die eigene Vielfalt, die er in die Einigkeit einbringt, und die ihn unterscheidet.
  7. Schule bleibt ein Ort der Weitergabe von Kultur. Auch wenn in unserer wissenschaftlich-technischen Welt eher sogenanntes “nützliches Wissen” den Vorrang bekommen hat, auch wenn Wissen über Computer oft vor Geschichte oder Literatur kommt. Eine Art von gemeinsamem Gedächtnis existiert, mit dem eine jede dialogieren und weiterkommen kann.
  8. In Kultur und Politik lehrt die gute Schule das Eigene, die Identität. Einerseits sind wir nicht mehr oder weniger Wilmersdorferinnen, Berlinerinnen oder Deutsche als wir Europäerinnen sind. Eigentlich sind wir nur Weltbürgerinnen: unser Planet und unser gemeinsames Erbgut sind die Dinge, die uns wirklich verbinden. Andererseits soll Schule aber nicht nur Weltbürgerinnen hervorbringen: wir wollen die Vielfalt der Ausdrucksformen behalten, dabei aber ein Bewusstsein bewahren, dass dies eben nur verschiedene Formen einer gemeinsamen Lebensperspektive sein können.

Eurolektionen: Nicht für die Schule, für Europa lernen wir.

Das ist die Schule für Europa, für die wir sprechen. Eine Schule für den vereinten Kontinent und eine Schule der Demokratie. Für eine Gemeinschaft, in der jede dieselben Rechte hat. In der wir versuchen, jede Stimme zu hören, und in der jede lernt für sich zu sprechen. Aber auch eine Gemeinschaft, in der wir lernen, nicht nur für uns selbst zu sprechen, sondern für das Gemeinwohl zu argumentieren. Unsere gemeinsamen Entscheidungen rechtfertigen sich nicht mehr über ein faires Armdrücken mächtiger Gruppen. Gute Schule lehrt, dass gute Entscheidungen nur durch einen verständnisvollen Austausch um das bessere, rationale Argument zustande kommen (Habermas 1984).

Eurolektionen: Demokratie ist ...

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